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FREDI KOBEL
«sich selber treu bleiben»

Alexandra Oestvold, Editor

ISBN 3-9522485-3-3
SFr. 30. - / € 18. -

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Alfred Kobel oder "Der Weg ist immer offen"
Simone Schaufelberger-Breguet

Die Kirche Rehetobel ist für mich mit einem unauslöschlichen Eindruck verbunden: Mit den Glasfenstern im Chor, die mich während der Abdankungsfeier für den Künstler Ueli Bänziger mit ihrer Klarheit und ihrem Licht begleitet haben. Ich hatte es vorher nichtgewusst, aber diese Fenster mussten von Alfred Kobel sein.

Fredi Kobels Glasfenster, deren er eine erstaunliche Anzahl geschaffen hat, sind an jedem Ort stets als seineWerke erkennbar. Dabei haben sie nichts Spektakuläres an sich, das sich dem Beschauer von weither schon als Markenzeichen aufdrängte. Doch sie vereinen in sich all das, was die Kunst dieses Meisters der Zurückhaltung ausmacht.

Er zählt jetzt 80 Jahre, ist einen langen Weg gegangen, der ihn von der illustrativen Grafik als Brotberuf zum eigenständigen künstlerischen Schaffen geführt hat. Ein Weg, auf welchem Ehe, Familie und Lehrtätigkeit nicht blosse Stationen sind, sondern dazugehören als grundlegende Teile eines sehr bewusst gelebten Lebens.

Als ihm die illustrative Grafik allzu leicht von der Hand ging, begann Kobel, seinem eigenen Können zu misstrauen. Die Gefahr leerer Routine bestand aber kaum, denn der langjährige Lehrer an der Schule für Gestaltung ist stets auch Schüler geblieben - in seiner Lebenseinstellung und Bereitschaft, Neues zu erfahren.

Immer wieder zitiert er seinen grossen Lehrmeister André Lhote in Paris, in dessen Académie ihn und seine Frau Ida vier Studienaufenthalte geführt haben, dazu noch einen in dessen Atelier in Südfrankreich, welcher überdies eine intensive Begegnung mit Lhotes eigenem künstlerischem Werk gebracht hat. Der eigenwillige André Lhote mit seiner Strenge und Konsequenzhat das Ehepaar Kobel bestärkt, auf seine individuelle künstlerische Begabung zu horchen.

Alfred Kobel fühlte und fühlt sich noch immer vonFrankreich und der französischen Schule angezogen. Schon der synthetische Kubismus hatte es ihm angetan,und die Fünfzigerjahre, in die seine und seiner Gattin gemeinsame Pariser Studienmonate fielen, waren eine Zeit mächtigen künstlerischen Aufbruchs, als ob sichjetzt alle Kräfte entlüden, die sich während des Krieges aufgestaut hatten. Paris war ein brodelndes Sammelbecken auf allen kulturellen Ebenen. Da liess es sichnachhaltig auftanken.

Kobel hat auch Impulse von Ferdinand Gehr aufgenommen, besonders dessen Mut zur Vereinfachung, und am meisten bewundert er Rembrandt, den Zeichner.Vor allem aber geht er mit offenen Augen durch die Natur, nimmt ihre Farben und ihre Atmosphäre auf. Sie ist ihm Ausgangspunkt und unerschöpfliche Anregerin. Er ist sich nicht zu gut, von ihr zu lernen. Abgesehen von seinem immensen künstlerischen Bewusstsein ist es wahrscheinlich gerade diese Einstellung, dieihn befähigt, selber ein so hervorragender Lehrer zu sein, dass seine ehemaligen Schüler und Schülerinnensich nach vielen Jahren noch auf ihn berufen, nachdemsie längst ihren eigenen Weg gegangen sind. Aus KobelsSchule sind keine Epigonen hervorgegangen, sondern eigenständige Persönlichkeiten.

Fredi Kobels klarsichtige Sinne befähigen ihn, aus den gegebenen Momenten und Begegnungen heraus zu schaffen. Es mag ungewöhnlich scheinen, dass zu Beginnseiner künstlerischen Arbeit das Porträt steht. Dieses vielleicht schwierigste Medium überhaupt - einen Menschen in sein Bild hineinzunehmen und ihn sprechen zu lassen. Es ging Kobel dabei immer um eine andere Realität als die fotografisch genaue, nämlich um eine Annäherung an das Wesen einer Person mit den Mitteln Farbe und Form. Er verleiht einem Gesichteinen Blick, einen Ausdruck, selbst ohne Augen hineinzumalen. Dabei steht Kobels porträtierter Mensch, Kind oder Erwachsener, nie in der Leere oder vor einem blossen Hintergrund, sondern in einer strukturierten Farbumgebung, die den Charakter und das Charakteristische einer Person mit einbezieht. Wäre vielleicht «Kennzeichnen» der richtige Ausdruck für Kobel? EinZeichnen, das Kennenlernen und allmählich auch Kennen bedeutet? - Es spricht für sich, dass Fredi Kobel immer wieder Aufträge für Bildnisse bekam, besonders für Kinderbildnisse. Auch seine eigenen Kinder hat er natürlich porträtiert, und in dieser familiären Vertrautheit schimmert eine Lust nach Zukunft mit, eine Offenheit für Kommendes. Es ist eine berührende Offenheitfür das Menschliche.

Auf seinem künstlerischen Weg hat Fredi Kobel immerfort Ballast abgeworfen zugunsten von Einfachheit und Konzentration. Mit der Landschaft, die nurmehr aus Farben und ihren Bezügen untereinander besteht, hat er sich für die Fläche entschieden. In dieser Einfachheit findet der Maler eine immer neue Faszination. «Rhythmus, Farben, Aufbau - mit diesen Mitteln ist man nie fertig. Der Weg ist immer offen», drückt er sich aus, und seine Sätze sind wie seine Malerei - schlicht, prägnant, natürlich und logisch, ohne theoretische Umwege und Verschlüsselungen, obwohl er auseinem immensen Wissen schöpfen kann.

Beim Durchgehen seiner Landschaften finden sich die Orte wieder, die Fredi und Ida Kobel wichtig waren. Der Montligerberg, wo sie häufig mit ihren Kindern zusammen im Künstlerhaus von Hedwig Scherrer geweilt haben. Eine Landschaft, gebaut aus einem Vokabular von runden und eckigen Formen. Das Meer, in äusserst reduzierten Kompositionen aus Farbe und Licht. DieDynamik der Berge im Bündnerland bis zur düster abrupten Via Mala, woher Ida Kobel stammt mit ihrerWarmherzigkeit und ihrer wohltuenden Direktheit.

Dann Dänemark mit seinen goldenen Kornfeldern und seinen unglaublichen Weiten. Oder wieder das nahe liegende Appenzellerland mit seinen Hügeln und den markanten Einzelgehöften. Seien es Spanien, Sri Lanka oder die Schilfgürtel von Altenrhein, sei es der Wald im Wechsel der Jahreszeiten, immer erspürt Fredi Kobel die Temperatur einer Landschaft in seinen Farben. Selbstverständlich mischt er seine Eitempera eigenhändig und erreicht damit eine wunderbare, nie speckige Tonigkeit, die selbst nach Jahren noch ihre ursprüngliche Leuchtkraft bewahrt hat. Im Fresco verhält es sich ähnlich. Dieser Begriff, im deutschen Sprachgebrauch «Fresko» geschrieben, scheint mir in der ursprünglichen italienischen Orthografie «Fresco» Kobels Frischeder Farben besser zu entsprechen.

Fredi Kobel, der sich in der Malerei mittleren Formaten widmet, geradezu musikalisch komponierten Bildern ohne anekdotisches Beiwerk, erfasst in der Zeichnung im kleinen Format mit schnellem Strich ein Tier, einen Menschen, eine Tänzerin in Bewegung, Haltung, Ausdruck. Das Wesentliche. Die Intimität der Zeichnung übersteigt in ihrer Komposition das Private und gewinnt eine Allgemeingültigkeit, die Kobels Werke generell auszeichnet. Wie er das kleine und das mittlere Format bewältigt, so hat er sich auch der grossen Dimensionen angenommen. Lang ist die Liste von Kunst in, an und bei Bauten, mit Mosaik, Fresco, Glasmalerei.

Fredi Kobel hat manchen Wettbewerb gewonnen und manchen Auftrag für grosse Gestaltungen bekommen. Das waren jeweils Herausforderungen, die er mit seiner Frau gemeinsam angepackt hat. Alleine wären diese Dimensionen gar nicht zu bewältigen gewesen, meintder Künstler in seiner gewohnt zurückhaltenden Art: «Mit jeder Arbeit sind wir wieder ein Stück gewachsen.» Wie viele Künstlerpaare gab es, bei denen die Frau ins zweite Glied oder gar völlig in den Hintergrund trat, um allein die Glorie ihres Gemahls leuchten zu lassen. Doch Fredi und Ida Kobel sind ein ideales Gespann, einander im Alltag und im Kunstschaffen mit Besonnenheit und Intuition ergänzend.

Der Maler bewundert die künstlerische Freiheit und Spontaneität seiner Frau Ida. Er staunt über ihre Einfälle,wie sie eine Szene unkompliziert und treffend ins Bild bringt, überraschende Lösungen findet, die Farben subtil und wiederum kühn setzt. Als er mir die neuesten Aquarelle seiner Frau zeigt, schwingt Stolz in seinerStimme mit, wie er sagt: «Und jetzt kommt noch der Dessert.» Diese «Dessert»-Blätter stammen von ihrem kurz zurückliegenden gemeinsamen Aufenthalt in Sri Lanka - nach dem Tsunami. Nachdem Ida und Fredi Kobel mehrmals dort gewesen waren, sind sie auch nach der Flutwellen-Katastrophe wieder an den gleichen Ort zurückgekehrt. In diesem Klima leidet Ida Kobel nicht mehr an ihrem schweren Asthma. Für sie beide ist die Landschaft ein Paradies, das sie geniessen, und das sie in ihrer Malerei inspiriert. Sie bewundern die Schönheit dieser Menschen, die noch nicht von der Zivilisation und der Gier nach Luxus verdorben sind.Und sie möchten eben diese Menschen jetzt nicht verlassen, nachdem sie durch die Katastrophe so viel verloren haben und es für sie noch schwerer geworden ist, sich wieder eine Existenz aufzubauen, da die Touristenaus Angst die Gegend meiden.

Simone Schaufelberger-Breguet,
Leiterin Museum im Lagerhaus, St. Gallen


Die klugen Jungfrauen


 

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